Projekt „Grenz TV“ bei Mediatagen Nord 2006 vorgestellt


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Im Rahmen der Mediatage Nord 2006 organisierte die Professur für Medienmanagement unter Leitung von Prof. Dr. Mike Friedrichsen (Universität Flensburg) am 22. November in der IHK Kiel das
Vortragspanel „Grenz TV“ offiziell vor. Grundlage für das Thema bildete eine von der Unabhängigen Landesanstalt für Rundfunk und neue Medien (ULR) in Auftrag gegebene Studie über „Problemlagen
beim Empfang dänischer Hörfunk- und Fernsehprogramme in Schleswig-Holstein“, wobei der Focus vor allem auf die mit der Digitalisierung des Rundfunks verbundenen Folgen gerichtet wurde. Hintergrund ist die Abschaltung der analogen Hörfunk- und Fernsehsignale, die spätestens 2009
durch digitale Sendetechnik ersetzt werden soll. Dies hätte voraussichtlich zur Folge, dass rund 50.000 Vertreter der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein und ca. 40.000 Vertreter der deutschen Minderheit in Süddänemark kein analoges dänisches /deutsches Fernsehen mehr empfangen könnten.


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Dass diese Situation vielschichtig und hochinteressant ist, konnten die Gäste der Podiumsdiskussion in Kiel erfahren. Prof. Dr. Friedrichsen und Astrid Kurad von der Universität Flensburg hatten hierzu
folgende Experten aus Wissenschaft, Politik und Praxis eingeladen, die nach einer Begrüßung durch Dr. Wolfgang Bauchrowitz, stv. Direktor und Justiziar der ULR, engagiert und kompetent auf die zahlreichen Gesichtspunkte eingingen:, Prof. Dr. Oliver Castendyk (Erich Pommer Institut gGmbH an
der Universität Potsdam), Prof. Dr. Mühl-Benninghaus (Humboldt-Universität Berlin), PD Dr. Udo Göttlich und Dr. Jörg-Uwe Nieland (Universität Duisburg-Essen), Anke Spoorendonk (Vorsitzende der
SSW Gruppe) und Hans Egon Lorenzen (Direktor TVSyd).

Dr. Wolfgang Bauchrowitz fasste die derzeitige Situation und die Bemühungen zur Aufrechterhaltung der Sendung dänischer Programme in S-H kurz zusammen. Prof. Dr. Friedrichsen stellte anschließend den grundlegenden methodischen Ansatz sowie einige erste Analyseergebnisse der
Studie „Problemlagen beim Empfang dänischer Hörfunk- und Fernsehprogramme in Schleswig-Holstein“ vor und skizzierte anschließend kurz die Idee eines zukünftigen Kooperationsprojektes „Grenz TV“. Er ging dabei auf die Chancen und Risiken der Digitalisierung des Rundfunks ein, die zu
mehr Wettbewerb und veränderten Marktbedingungen führen wird. Ebenfalls nannte Friedrichsen die rechtlichen Unterschiede zwischen dem zentralen dänischen Rundfunkrecht und dem föderalistischen deutschen Rundfunkrecht als bedeutsam. Er deutete zudem an, dass im Projektbericht einige konkrete Handlungsoptionen aufgeführt werden, die auch die politische Bedeutung der deutschdänischen Grenzregion berücksichtigen werden.

Die endgültigen Ergebnisse der Studie sollen am 11. Dezember 2006 an die ULR übergeben und dann veröffentlicht werden.
Bei der Podiumsdiskussion wurde das Thema des grenzüberschreitenden Rundfunks auch von rechtlicher Seite durch Prof. Dr. Oliver Castendyk erläutert, der vor allem das Urheberrecht als Knackpunkt definierte. Hier sind die Rechte oftmals nur für bestimmte Bereiche/Länder vergeben,
wobei die Überstrahlung (Spill-over) in Nachbarländer beim analogen Rundfunk bisher akzeptiert wurde. Mit der Digitalisierung ließen sich die Signale wesentlich genauer steuern und die Produzenten könnten auf die Einhaltung der Grenzen bestehen.

 

 

UNI Flensburg

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Um die Lage in S-H mit anderen Grenzregionen zu vergleichen, wurden die Situationen in der deutsch-polnischen Region und im Grenzgebiet von Deutschland-Niederlande-Belgien vorgestellt.
Prof. Dr. Mühl-Benninghaus (Humbold-Universität Berlin) erläuterte am Beispiel des deutschpolnischen Grenzgebietes, dass es hier eine verschwindend geringe Zahl von Minderheiten im Grenzraum gibt und das Verhältnis vor allem durch die junge Geschichte mit Vorurteilen und
Unsicherheit geprägt ist. Dadurch existiert derzeit kein Anreiz für Medienunternehmen hier ein grenzüberschreitendes Angebot aufzubauen, auch wenn die Reichweite durch die analoge Signalsendung noch einige Zeit größer wäre (die Digitalisierung in Polen ist noch nicht festgelegt).
PD Dr. Udo Göttlich und Dr. Jörg-Uwe Nieland (Universität Duisburg-Essen) stellten andererseits ihre Erkenntnisse aus dem Grenzraum Deutschland – Niederlande – Belgien vor, der sehr stark durch die
Kulturen und ihre Vermischung geprägt ist. So gibt es in Belgien und den Niederlande kleine, aber spezielle Grenzsender, die noch von deutscher Seite 2007 ergänzt werden sollen. Göttlich wies darauf hin, dass gerade die Grenzregionen als „Laboratorien von Europa“ gesehen werden müssen.
Rundfunk stellt hier vor allem ein kulturelles Gut dar, das zum Zusammenwachsen in Europa sehr wichtig ist. Aus diesem Grund ist die Frage des grenzüberschreitenden Rundfunks im Zuge der Digitalisierung und zielgerichteter Versendung von enormer Bedeutung für Europa.

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Die Frage der Digitalisierung und dem fehlenden Spill-over des Sendesignals stellt für Hans Egon Lorenzen (Direktor des privaten Senders TVSyd) in der Praxis kein Problem dar. Er ist der Meinung, dass die Nachfrage auf dänischer Seite nach deutschen Programmen trotz guten Empfangs sehr schwach sei. Sollte dennoch Bedarf bestehen die benachbarten Rundfunkprogramme zu konsumieren, gäbe es ja bereits jetzt die Möglichkeit des Internet TV, wo die Programme im Streaming Verfahren konsumiert werden können.
Aus politischer Sicht konnte Frau Anke Spoorendonk (Vorsitzende der SSW Gruppe) dieser Meinung nicht zustimmen. Sie sieht die Gefahr, dass durch die neuen Technologien und exakte Signalsteuerung Grenzen wieder aufgebaut werden. Da nützt auch die Möglichkeit nichts, dass einige
dänische/ deutsche Sender bereits per Internet-Streaming empfangbar sind, da viele ältere Minderheitsmitglieder dies nicht nutzen. Des Weiteren wies sie darauf hin, dass laut Charta der Europäischen Union die Einrichtung von Rundfunkangeboten zur Verständigung der europäischen
Völker ermöglicht bzw. erleichtert werden muss. Eine Digitalisierung bis zur Landesgrenze würde dies missachten.

Alles in allem zeigte sich auch in der anschließenden Diskussion mit dem Plenum, dass das Thema hoch spannend und ökonomisch aber vor allem politisch von großer Bedeutung ist. Nähere
Ergebnisse der Untersuchung sowie Empfehlungen für die Digitalisierung des Rundfunks in der deutsch-dänischen Grenzregion können Mitte Dezember 2006 mit Spannung erwartet werden.

Torsten Köhler

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